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Heimerziehung in der Schweiz heute



Forschungsprojekt "Hilfe für die Schwachen aus dem Geist des Göttlichen? Die Bedeutung von Religion bei der Professionalisierung der Sozialen Arbeit"

Forschungsteam: Peter Schallberger, Alfred Schwendener und Urs Hafner
Finanzierung: Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms "Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft" (NFP 58) des Schweizerischen Nationalfonds (SNF)

Kurzbeschrieb


Religiöse Motive wie der Diakonie- und der Caritasgedanke spielten bei der Entstehung von Institutionen der Sozialarbeit und der Heimerziehung historisch eine wichtige Rolle. Nach einer langen Phase des Verschwindens konfessionell geprägter Leitbilder und Handlungsmaximen scheint gegenwärtig ein religiöser Geist in diese Institutionen zurückzukehren. Das Projekt untersucht die Chancen und die Gefahren, die mit dieser Entwicklung verbunden sind.
Hintergrund: Sozialpädagogische und sozialarbeiterische Tätigkeiten erfordern nicht nur hohe fachliche Kompetenzen bei der Analyse und Bearbeitung fallspezifischer Problemlagen. Weil mit ihnen unausweichlich Interventionen in die Lebenspraxis von Menschen als ganzen Personen verbunden sind, schliesst die Entwicklung eines beruflichen Selbstverständnisses die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen zwingend mit ein. Zwei aktuelle Entwicklungen lassen das Handeln von Sozialarbeitenden zusätzlich herausforderungsreich erscheinen: Zum einen sehen sich diese verstärkt dem Druck ausgesetzt, ihr Handeln in ökonomischen Begriffen zu legitimieren und es nach betriebswirtschaftlich definierten Effizienzkriterien auszugestalten. Diese können innerfachlich begründeten Gütestandards unter Umständen widersprechen. Zum anderen nimmt die Zahl von Klientinnen und Klienten zu, mit deren kulturellen, weltanschaulichen und religiösen Hintergründen Sozialarbeitende a priori wenig vertraut sind. Das Projekt untersucht, ob religiöse Orientierungen bei Praktikerinnen und Praktikern der Sozialen Arbeit sich eher begünstigend oder eher hemmend auf die erfolgreiche Bewältigung dieser Herausforderungen auswirken. Die Untersuchung konzentriert sich auf Berufstätige in Heimeinrichtungen für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche sowie in Institutionen der Familien- und Erziehungsberatung.
Ziel: Das Projekt erforscht professionelle Selbstverständnisse, handlungsrelevante Gesellschaftsbilder und religiös inspirierte Handlungsmethoden bei professionellen Akteuren der Sozialen Arbeit. Zudem untersucht es, in welcher Weise institutionelle Kontexte, die ihrerseits Bezüge zu religiösen Traditionen aufweisen können, die Ausgestaltung sozialarbeiterischen und sozialpädagogischen Handelns beeinflussen. Mittels der Verknüpfung einer soziologischen mit einer historischen Perspektive wird untersucht, ob und inwiefern in den Leitbildern der untersuchten Heimeinrichtungen sowie in eingeschliffenen Handlungsroutinen ein ursprünglich religiös ausformulierter Erziehungs- oder Rettungsgedanke aktuell noch nachwirkt.
Bedeutung: Es stellt sich die Frage, ob von einer Neubelebung und allenfalls auch Neuerfindung religiöser Traditionen wichtige Impulse für eine weitherum geforderte weitere Professionalisierung der Sozialen Arbeit ausgehen können. Angesichts wiederkehrender Klagen über gesellschaftliche Desintegrationserscheinungen – Stichworte aktueller öffentlicher Debatten sind etwa „Jugendgewalt“ oder „Sozialmissbrauch“ – ist die Frage nach der Professionalität sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Handelns nicht nur von akademischer Relevanz. Gerade in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Jugendlichen haben sich Praktikerinnen und Praktiker der Sozialen Arbeit als Akteure der Ermächtigung und so – zumindest indirekt – auch als Akteure der Sozialintegration zu bewähren.

Bisherige Publikationen aus dem Forschungsprojekt


  • Peter Schallberger/Alfred Schwendener (2017): Erziehungsanstalt oder Fördersetting? Kinder- und Jugendheime in der Schweiz heute, Köln: Herbert von Halem Verlag (zuerst erschienen im UVK Verlag, Konstanz, 2017)
  • Peter Schallberger/Alfred Schwendener (2015): „Gesetzgeberisch eingebremste Professionalität? Vergleich der Organisationsverordnungen zweier kantonaler Jugendheime in der Schweiz“, erscheint in: Roland Becker-Lenz et al. (Hg.): Bedrohte Professionalität. Einschränkungen und aktuelle Herausforderungen für Soziale Arbeit, Wiesbaden: Springer VS, 139-164. > Info
  • Peter Schallberger (2014): „Religion in öffentlichen Institutionen“, in Bulletin SAGW (Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften) 1/2014, S. 56f. > Manuskript Download
  • Peter Schallberger (2013): "Diagnostik und handlungsleitende Individuationsmodelle in der Heimerziehung. Empirische Befunde im Lichte der Professionalisierungsdebatte", in: Roland Becker-Lenz et al. (Hg.): Professionalität in der Sozialen Arbeit. Standpunkte, Kontroversen, Perspektiven, (3. durchgesehene Auflage) Wiesbaden: VS-Verlag, 275-296. > Info
  • Peter Schallberger (2012): „Habituelle Prädispositionen auf Seiten der Studierenden und die Gestaltung von Studiengängen der Soziale Arbeit“, in: Roland Becker-Lenz et al. (Hg.): Professionalität Sozialer Arbeit und Hochschule. Wissen, Kompetenz, Habitus und Identität im Studium Sozialer Arbeit, Wiesbaden: VS Verlag, 69-84. > Info
  • Peter Schallberger (2011): „Organisationale Selbstverständnisse und Diagnosepraxis in der Heimerziehung. Eine empirische Bestandsaufnahme“, in: Sozialer Sinn. Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung, 12, 247-278.
  • Peter Schallberger (2011): „Das pädagogische Credo eines Heimvaters. Analyse eines Rundschreibens“, in: Roland Becker-Lenz et al. (Hg.): Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit. Materialanalyse und kritische Kommentare, Wiesbaden: VS-Verlag, 165-181. > Info
  • Urs Hafner (2011): Heimkinder. Eine Geschichte des Aufwachsens in der Anstalt, Baden: hier+jetzt.
  • Peter Schallberger/Alfred Schwendener (2008): "Studienwahlmotive bei angehenden Studierenden der Sozialen Arbeit. Eine fallrekonstruktiv erschlossene Typologie": Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik 6/2008, 609-630.

Referate


  • „Institutionelle Selbstverständnisse in der Heimerziehung. Eine provisorische fallrekonstruktiv erschlossene Typologie von Heimeinrichtungen für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche in der Schweiz“. Referat von Alfred Schwendener und Peter Schallberger an der zweiten Zwischenberichtstagung des NFP 58 vom 26./27. November 2009 in Fribourg
  • "Organisation und Religiosität. Analyse eines Schulheim-Jahresberichts" - Materialanalyse an der Arbeitstagung "Professionalität in der Sozialen Arbeit am Material - Empirie und Theorie" an der Hochschule Mittweida, Fachbereich Soziale Arbeit, 19. bis 21. März 2009.
  • Workshop des NFP 58 "Was ist Religion? Konzepte Religion, Religiosität, Spiritualität, Glaube" vom 23. Februar 2009 in Bern: Response von Peter Schallberger zu den Diskussionspapieren
  • „Wie beeinflussen Formen von Religiosität das sozialpädagogische Handeln?“ Referat an der ersten Zwischenberichtstagung des NFP 58 am 3. November 2008 in Bern.
  • "Zur Handlungsrelevanz von Religiosität in der Heimerziehung. Eine Fallanalyse" - Referat von Peter Schallberger an der 18. Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft Objektive Hermeneutik e.V. am 13. September 2008 an der FH Thüringen in Meiningen
  • "Diagnostik und handlungsleitende Sozialisationskonzepte in der Heimerziehung. Empirische Befunde im Lichte der Professionalisierungsdebatte" - Referat von Peter Schallberger an der Tagung "Was bedeutet Professionalität in der Sozialen Arbeit?" am 15. März 2008 an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten.
  • "Hilfe für die Schwachen aus dem Geist des Göttlichen? Befunde und Einschätzungen zur aktuellen 'Wiederkehr der Religion' in der Sozialen Arbeit" -Referat von Peter Schallberger am internationalen Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Soziale Arbeit am 8. März 2008 an der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern

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